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Marilyn Manson; des Teufels
Sekretärin liebster Kerl
Stephan Fuchs Rock Oz’ Arènes, das
kleine Festival im schweizerisch –keltischen Dorf Avenches
zelebriert am 17. August mit Schockrocker Marilyn Manson. Mit
Marilyn Manson kommen auch die ganz wüsten, bizarren Geschichten,
die sich in den Medien immer gruslig gut verkaufen. Kaum einer
der sich mehr Todeswünsche auf den Hals jagt als „Es“.
Kaum einer den die Medien und die Öffentlichkeit mehr zu
spalten vermag als „Es“. „Es“ wird verantwortlich
gemacht, wenn sich Massentötungen an Schulen und rituelle
Bluttaten ereignen.

Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb
Biest, halb Engel
„Es“ ist schuld am Zerfall der Normen. Fernsehprediger
halten beschwörend die Bibel hoch, vor den Stadien verteilt
die Christenheit Flugblätter. „Es“ gilt als die
androgyne Missgeburt Satans, als Inbegriff des Schreckens und
des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel. Der erste Jugendverderber
der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle
des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen
eines Mörders führt. Helter Skelter findet aber nicht
statt.
Kunstblut, Lederstrapse, Auftritte im speckigen Stützkorsett
– nach Antichrist Superstar, dem Großwerk von 1996,
das ihm den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer
überbietbare Maßstäbe in punkto satanischen Stadion-Glamour
setzte, wirkt Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde.
Sein Job ist schwer und er wird immer dann ans Tageslicht gezerrt,
wenn bessere Erklärungen Mangelware sind: zuletzt nach dem
Highschool-Massaker von Columbine, als Eric Harris und Dylan Klebold
1999 elf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 23 verletzten.
Harris und Klebold waren keine Nazis, aber sie bewunderten sie.
Ein Paar Wochen vor dem Massaker schrien sie in ihrer Bowlingklasse
„Sieg Heil!“ und „Heil Hitler“ und hoben
dazu ihre Arme zum Nazigruß. Sie hörten sich die gleiche
Musik an: Dunklen, düsteren Industrial Metal von Bands wie
Rammstein und KMFDM. Offensichtlich sind diese „Bösartigkeiten“
Faktum genug um elegant mit dem Finger auf Manson und ähnliche
Bands zeigen zu können. Die Gesellschaft kann sich retten,
schuld sind die anderen. Dann rüstet ihn die Plattenindustrie
großherzig wieder auf und lechzt auf das neue Blutbad und
das erneute Klingeln der Kasse. Auch wir, die Journalisten freuen
uns auf das nächste Blutbad, denn auch bei uns klingeln die
Kassen, ohne allzu tief in die Trickkiste gucken zu müssen.
So kriegt der Liebling des Teufels Sekretärin was er dringend
braucht: Publicity.
Des Teufels Liebling weiss was „Es“ tut
Auch Manson weiss was er tut – und macht sich seinen Reim
auf die Sachverhalte. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen
haben, Michael Moores Oscargekrönte Dokumentation über
eine Nation unter Waffen. Wie er in voller Montur, mit Leichenschminke
und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge entschieden
weniger verrückt wirkt als die anderen Irren die diesen Film,
den Präsidenten der Vereinigten Staaten inbegriffen, bevölkern.
Wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten
des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst.

So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen
des „teuflischen“ verstanden hat.
„Nicht Musik sondern Angst und Konsum sind Ursachen der
Gewalt“, meint Manson. So spricht nicht der Teufel, als
vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“
verstanden hat. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender
Kamera und rät seinen Kritikern, der Jugend von heute lieber
zuzuhören, statt sie zu verurteilen.
Wer die Botschaft ernst nimmt und den Aufklärer unter der
Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken manches lernen.
Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den
latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit
Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass eine Nation seine
Feinde braucht, um sich selbst als Nation zu fühlen. Wie
Moore, wenn auch mit drastischeren Mitteln, hält Manson seinen
Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern
schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist.
Er singt von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen
und der weißen Mittelstandsgesellschaft im Besonderen, von
toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten
und einem Himmel, der so blau ist „wie eine Schusswunde“.
In immer neuen, grandios eitrigen Farben malt er die Apokalypse
an die Wand – und bleibt als Gefürchteter den Werten
verpflichtet, die er bekämpft. Manson und der amerikanische
Traum: eine Zwangsgemeinschaft zum wechselseitigen Profit. Freilich
hat er auch diesen Zusammenhang längst durchschaut und in
einen Aphorismus gegossen: „America needs Marilyn Manson
as much as Marilyn Manson needs America.“ Die Plattenindustrie
freuts.
Manson Runen schockieren nicht mal Europa
Ob die Plattenindustrie mit der Manson Attacke auf Europa ihre
Erwartungen erfüllt und die Wellen der Empörung auch
hier Kreise ziehen und Millionen von neuen Käufern dem Bösen
in Popstar-Gestalt verfallen, kann bezweifelt werden. Auch mit
Nazi Outfit, SS Runen und anderem nationalsozialistischem Klimbim.
Von den richtigen Neo-Nazis wird er verspottet, von den wirklichen
Satanisten bemitleidet. Europa ist, im vergleich zu Amerika zu
aufgeschlossen und vielschichtig.
Vor allem aber fehlt in Europa die Macht des Tabus das der Provokateur
braucht, um es zu brechen: Ohne eine konservative Umgebung wirkt
der Verstoß halb so schockierend. Die letzte Lektion aus
Marilyn Mansons kleiner Horrorschau besteht darin, dass Europa,
nach einem halben Jahrhundert Demokratisierung durch amerikanischen
Pop, liberaler geworden ist als das Ursprungsland. Versteht man
auch dies als Spiegel, so hat seine Tournee eine durchaus positive
Botschaft: Unter aufgeklärten Bedingungen ist auch der Teufel
nur so ernst, wie man ihn nimmt.
Dieser Artikel ist eine textliche Zusammenstellung
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